Reportage: Unterwegs auf der Route 66

Eine Herausforderung für Logistiker, so viel ist sicher: Wie bekommt man dreizehn Borgwards aus verschiedenen Orten in Europa zum gleichen Zeitpunkt in den Hafen nach Newark (New Jersey) und dann noch durch den Zoll? Ein DAV-Absolvent berichtet


Was zunächst noch nicht allzu kompliziert klingt, erweist sich als Herausforderung: Bürokratische Hürden, die genommen werden müssen, technische Erfahrung und planerisches Geschick sind die Anforderungen, die Thilo Kugel, DAV-Absolvent sowie Borgward-Besitzer, an sich gestellt hat.

Die Idee einer solchen Tour (8.000 Kilometer von Ost nach West) entsprang den britischen und belgischen Borgwardfans John und Chris. Drei Jahre dauerte es von der Idee zur konkreten Umsetzung, an der maßgeblich der Bremer Thilo Kugel beteiligt war. Als gelernter Logistiker und Vorstandsmitglied des Vereins Bremer Spediteure verfügt er über das nötige Know-how, um Borgwards aus vier Ländern (Belgien, UK, Luxemburg und Deutschland) zusammen nach Übersee zu bringen.


Kurzer Exkurs:
Die Unternehmensgruppe Borgward war bis 1961 Bremens größter Arbeitgeber und gehörten zu den fünf wichtigsten Automobilherstellern Deutschlands. Der Konkurs und Untergang von Hersteller wie Marke, begleitet von einem enorm umstrittenen Krisenmanagement, wird oft als der Anfang vom Ende des Wirtschaftswunders in Nachkriegsdeutschland angesehen. Im Film "Die Affäre Borgward", gedreht in Bremen, wurde die Geschichte Anfang 2019 von der ARD aufgearbeitet.
Seit 1981 kümmert sich der Borgward-Club mit Sitz in Bremen um den Erhalt des Borgward-Erbes.

Zurück zum großen Vorhaben rund um DAV Absolvent Thilo Kugel. Eine Problematik: Das Hafenpersonal, das fürs Be- und Entladen der Oldtimer zuständig ist, weiß nicht, wie diese zu fahren sind!
Lenkradschaltung, Kupplung - so viel nostalgische Mechanik war besonders für das US-amerikanische Hafenpersonal in Newark ungewohnt. Doch der kluge Borgward-Besitzer baut vor: Als akkreditierter Fahrer im Hafen sprang George Ormsby (78 Jahre), der Borgward Club President Canada ein, der extra aus Toronto eingeflogen wurde, um die wertvolle Ware von Bord zu steuern. Um die Bürokratie kümmerte sich ein Agent der Bremerhavener Firma AFL Logistics - so verlief die Zollabfertigung mit vielen vorbereiteten Dokumenten reibungslos.


Am 18. September 2017 fiel der Startschuss morgens um 05:30 Uhr: Noch vor der gefürchteten Rush hour verließen die ersten von den insgesamt dreizehn Teams Manhattan und begaben sich in Richtung Catskill Mountains. Spektakuläre Naturerlebnisse und 500 Kilometer Fahrt am ersten Tag - am Abend kamen alle Borgwards mit ihren (Bei-) Fahrern unversehrt an. Die Britische Agentur Scenic Continental Car Tours hatte für die Gruppe im Vorfeld eine Strecke in Etappen geplant, die den Besuchern vielfältige Landschaftsimpressionen bieten konnte. Die Organisation umfasste dazu auch die Motel-Buchungen. Neben einem Servicewagen, der die Oldtimer begleitete, war auch eine US-amerikanische Dokumentarfilmerin mit dabei.
Zunächst galt es jedoch, überhaupt einmal den Anfang der Route 66 zu erreichen und nach Chicago zu kommen. Nach fünf Tagen war es soweit: Die historische Straße konnte mit den historischen Fahrzeugen erobert werden. Zuvor kam es zur ersten größeren Reparatur: Luc aus Belgien bemerkte einen Leistungsverlust bei seinem Borgward Isabella Coupé, Baujahr 1960, und Teamkollege und Raparaturexperte John fällte das harte Urteil: Motorschaden.
"Jeder Teilnehmer hatte an dem ein oder anderen Punkt der Reise so seine Probleme mit seinem Borgward", erzählt Thilo Kugel, "aber die meisten Borgward-Besitzer sind auch gute Schrauber."
Mit seinem Beifahrer Daniel aus Berlin handelte sich Kugel den Spitznamen "the tire men" ein: Sein Borgward Isabella Coupé verzeichnete den Rekord an platten Reifen (drei von acht insgesamt).
Kreative Lösungen sind bei der Reparatur häufiger gefragt, denn die zur Verfügung stehenden Ersatzteile für Borgwards halten sich in Grenzen. In den USA gibt es etwa noch 25 Borgward-Aktive - und einer davon, "nur" ein paar Stunden entfernt, hatte für Luc sogar einen Austauschmotor parat. Für 400 Dollar tauschten die Borgward-Bastler in sieben Stunden den Motor aus - und weiter ging die Reise.

Einen ganzen Monat fuhren die Teams ihrem Ziel entgegen: dem Ende der Route 66 in Santa Monica, Kalifornien. Wechselnde Wetterbedingungen machten dabei nicht nur den Menschen, sondern auch den Maschinen zu schaffen: Bei vierzig Grad Celsius in der Wüstenregion beschwerten sich einige der Kühler; auch hier wurde trickreich die Weiterfahrt gesichert. Einzige Ausnahme: Ein Borgward mit altersschwacher Wasserpumpe wurde 80 Kilometer durch die Hitze im Anhänger transportiert, wurde repariert, und konnte danach weiterfahren.


Trotz der vielen zurückzulegenden Kilometer stand auch dank der Vorplanung der Britischen Agentur für die Teams einiges an Sightseeing auf dem Programm. Gerade entlang der historischen Streckenabschnitte der Route 66 fanden sich viele Stationen, die ein Aussteigen und Angucken geradezu erzwangen.

Alle Ziele erreicht: DAV-Absolvent Thilo Kugel am Pazifik vor seinem Borgward Isabella Coupé

Am 13. Oktober erreichte die nostalgische Karawane Santa Barbara in Kalifornien. Sehnlichst erwartet vom US Borgward Owners Club, die den Europäern ein nettes Willkommen bereiteten und das jährliche Clubtreffen in diesem Jahr mit internationalem Besuch feierten.
Das Ende der Reise nahte: Auch die Verschiffung in Long Beach verlief am 17. Oktober mit viel Geduld und Hilfe von amerikanischen Borgward-Freunden reibungslos. Für 2019 ist eine Tour durch Europa geplant (wir werden hier im Blog berichten), und Chris "Le Chef" aus Belgien plant sogar eine Fahrt auf der Seidenstraße. Thilo Kugels Fazit:
"Nicht nur aus logistischer Sicht war es ein voller Erfolg! Am Ende konnten wir sagen: kein Unfall, keiner krank, und nur eine Beule!"

Noch mehr Fotos und einen detaillierten Reise-Blog gibt es hier.

Anm.: Dieser Bericht erschien erstmals in der Semesterzeitschrift Ausgabe 109 (Dez. 2018)



Tipp für alle Auto-Fans: Vom 1. bis 3. Februar 2019 findet wieder die jährliche Classic Motorshow bei uns in Bremen statt. Auch hier finden sich natürlich etliche Borgward-Modelle