Interview mit DAV-Urgestein Dr. Hanspeter Stabenau

Am 10. Juni 2020 verstarb Dr. Hanspeter Stabenau. 1961, ein Jahr nach Aufnahme des Studienbetriebs, fing er als hauptberuflicher Dozent an der DAV an, fünf Jahre später übernahm er bis 1979 die Leitung des Studienbetriebs. 2004 wurde er in die Logistics Hall of Fame aufgenommen. Wir blicken mit einem Interview, welches Studierende 2010 zum 50-jährigen Bestehen der DAV mit Dr. Stabenau führten, auf eine großartige Persönlichkeit und den wichtigsten Impulsgeber in der Geschichte der DAV zurück


Herr Dr. Stabenau, auf welchem Weg haben Sie an die DAV gefunden?
Ich wollte ursprünglich eigentlich Architekt werden und habe diesen Plan auch erst recht spät verworfen. Nach meinem Abitur war ich in Weimar vorimmatrikuliert und begann eine Maurerlehre in Jena. Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit mir, und so bekam ich nach kurzer Zeit eine Zementallergie, die mich zum Abbruch der Lehre zwang.
Später bekam ich dann einen Einberufungsbescheid zur Volkspolizei, der mich veranlasste im Februar 1953 die DDR zu verlassen.

Ich ging nach Düsseldorf und begann ein einjähriges Praktikum bei den Stadtwerken. Man musste damals eine gewisse Berufspraxis vorweisen, bevor man ein Studium beginnen konnte. Ich finde es übrigens nicht gut, dass heute kein Praktikum mehr erforderlich ist. Man sieht an der DAV, welche Vorteile die kennengelernte Praxis mit sich bringt.

Ich studierte anschließend Volkswirtschaftslehre in Köln, mit dem Schwerpunkt Verkehrswissenschaften, bis ich 1961 promovierte. Dort sprach mich dann die Handelskammer Bremen an, dass man an der neugegründeten DAV noch einen Dozenten suche, vor allem für die Fächer Verkehrswirtschaftslehre, Verkehrsbetriebslehre und Volkswirtschaftslehre, aber auch für Wirtschaftsstatistik und Wirtschaftsgeschichte. So wurde ich 1961 zweiter hauptberuflicher Dozent an der DAV. Ich plante, vier Jahre zu bleiben. Es wurden letztlich achtunddreißig.

Und wie wurden Sie letztlich zum Studienleiter?
Im Sommer 1966 äußerste eine Firma aus Braunschweig ihr Interesse an meiner Arbeit, und ich war kurz davor, in die freie Wirtschaft zu wechseln. Als ich das Gespräch mit dem damaligen Studienleiter Dr. Ekkehard Birnstiel suchte, stellte sich heraus, dass er mich gleichzeitig informieren wollte, dass er sein Amt als Studienleiter niederlegen werde. Und er bat mich darum, die Stelle zu übernehmen.

Hanspeter Stabenau mit allen Absolventen des Jahres 1966, seinem ersten Jahr als Studienleiter der DAV in Bremen


Wie kam es zur Gründung der BVL?
Wir stellten bald fest, dass der Studienbetrieb allein nicht zum Überleben der DAV reichen würde, und vor allem auch nicht zum Abdecken des Weiterbildungsbedarfs. Als Folge daraus starteten wir im Herbst 1968 die erste Seminarreihe mit dem Bundesverband Spedition und Lagerei (BSL). Dann kamen weitere Seminarreihen hinzu: BDJ und DIHT (Zollseminare), CMA (Außenwirtschaftsseminare). Wir überlegten auch, ob wir nicht Versandleiterseminare anbieten sollten, und so flog ich 1970 mit Klaus Jacobs, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden des Trägervereins der DAV, in die USA, um verschiedene Business Schools zu besuchen und Eindrücke zu sammeln.

Wir suchten auch Hilfe für die Beantwortung der Frage, ob die DAV auch MBA-Studiengänge anbieten sollte. Die Reise nahm aber insofern einen anderen Verlauf, da wir dort das Thema "Logistik" erstmals kennenlernten und absolut beeindruckt waren.
Die geplanten Versandleiterseminare waren vergessen, und stattdessen wurde der Entschluss mit dem BDJ gefasst, zweiwöchige Logistikmanagement-Seminare anzubieten. Dieser Plan wurde im Frühjahr 1973 umgesetzt. Es war das erste Logistik-Seminar im gesamten deutschsprachigen Raum

Die Absolventen drängten darauf, im Anschluss eine Erfahrungsaustauschgruppe zu gründen, was der BDI aufgrund seiner Satzung leider nicht umsetzen konnte. Also gründeten wir 1978 selber die Bundesvereinigung Logistik (BVL) mit einem Startkapital von 5.000 D-Mark, das uns der BDI zur Verfügung stellte.

1982 fand übrigens der erste Deutsche Logistik-Kongress in Berlin statt. Schon bei der Premiere hatten wir 700 Teilnehmer, was unsere Erwartungen weit übertraf. Dass jedoch über zwanzig Jahre später mehr als 3.000 Logistikinteressierte teilnehmen würden hätten wir damals nicht zu träumen gewagt. Wir hatten keine Ahnung, was wir da "ausgelöst" hatten.

1999 haben Sie dann Ihre Ämter bei der BVL und in der DAV abgegeben, aber das stellte noch längst nicht das Ende Ihrer Engagements dar, oder?
Das stimmt, ich habe noch bis 2002 Vorlesungen an der DAV gehalten und bin heute Ehrenvorsitzender der BVL. Ich habe alles bewusst langsam auslaufen lassen und erst 2009 auch noch die letzten Ämter niedergelegt, zum Beispiel im Fachbeirat der Messe in München.

Studienleiter unter sich: Dr. Volker Weddige (l.) und Dr. Hanspeter Stabenau bei dessen Verabschiedung

Ich bin noch als freier Mitarbeiter einer Consulting-Firma tätig. Aus diesem Grund fliege ich morgen nach München: Es wird dort um Solartechnik auf den Dächern von Lagerhäusern gehen. Bei den Planungen für den DLK in Berlin habe ich auch bis zuletzt noch mitgewirkt. Beim diesjährigen DLK habe ich zum Beispiel einen Workshop zur Industrialisierung der Produktion physischer Logistikfunktionen geplant und moderiert.

Möchten Sie noch eine Prognose für die Entwicklung der Logistik abgeben?
Eine neue, große Welle werden bald die "Security-Programme" darstellen, wie sie die USA ankündigten. Dort soll ab 2012 jeder importierte Container durchleuchtet werden, bevor er in den freien Verkehr übergehen darf. Das heißt, dass bald nur noch die Unternehmen in logistischen Prozessen zusammenarbeiten können, die einen Sicherheitsbeauftragen haben. In diesem Zusammenhang wird das Thema RFID eine große Bedeutung haben, wodurch, meiner Meinung nach, mindestens fünfzehn Prozent vorhandene Produktionsreserven in den Logistikprozessen ausgeschöpft werden können. Es ergeben sich dadurch völlig neue Kooperationserfordernisse.

Ich bin des Weiteren beeindruckt von der Entwicklung in China. Dieser Gigantismus bei stets guter Strategie ist vorbildlich. Ich war 1996 das erste Mal in China, und was sich seitdem dort schon wieder getan hat liegt jenseits unserer Vorstellungskraft.

Möchten Sie, zum Ende des Interviews, den Studenten der DAV noch etwas mit auf den Weg geben?
Ja, zwei Dinge. Erstens: Die Grundlage der Logistik als Querschnittsfunktion ist die Systemtheorie. Wir dürfen heute nicht mehr nur einzelne Funktionen bzw. Komponenten betrachten, sondern stets die Gesamtheit aller Komponenten im System in ihren Wechselwirkungen - dies natürlich auch immer unternehmensübergreifend.

Zweitens: die Globalisierung. Die Studierenden sollen so viele Sprachen lernen wie möglich, und natürlich vor allem Wert auf gutes Englisch legen. Außerdem müssen sie interkulturell denken und auf Grundlage dessen ihre Denkweise anpassen


Anm.: Interview erstmals erschienen in Semesterzeitschrift Ausgabe 96 (April 2010)


Wir bedanken uns für die vielen Jahre des ehrlichen Engagements und trauern mit Hanspeter Stabenaus Familie, Freunden und Weggefährten. Der Nachruf der BVL ist hier zu finden